UND DANN SIND DA NOCH DIE SCHAFE 
Im Hintergrund eigentlich immer da. Leider aber keine unendliche Geschichte, weil jedes Jahr das letzte sein könnte, in dem mein Schäfer im Frühjahr loszieht.
Unterwegs ist er seit mehr als 50 Jahren. Immer zur gleichen Zeit auf der immer gleichen Route. Über die Jahrzehnte sind Weide- und Freiflächen weniger geworden, zugebaut worden, die Wege dazwischen länger geworden.Die Bewegungsräume haben sich verändert. Aus den Jungs, die damals mitgelaufen sind, sind Väter geworden, die jetzt ihre eigenen Söhne mitbringen. Alles ist schwieriger geworden, Schafwolle heutzutage fast nichts mehr wert. Und der Schäfer inzwischen sehr krank. Trotzdem war er auch in diesem Jahr wieder da, wieder auf den Wiesen oberhalb von Esslingen. Und in diesem April konnte ich für 3 Wochen dabei sein.

Konnte tagtäglich die innere Dynamik der Gruppe beobachten und ihre ihnen eigene Choreografie verstehen lernen, die unterschiedlichen Stimmen aus dem Chor heraushören. Manchmal war es beinahe wie eine Tanzaufführung. Dann wieder wie ein grosses Orchester mit einem Dirigenten, der nur ganz leicht den (Takt)stock bewegen musste, damit das Zusammenspiel klappt.
Und irgendwann war dann unter 450 Tieren immer wieder dieses eine Schaf. Nr. 44199, das Aufpasserschaf.
Zwischen der realen Situation, regelmässig viele recht lebendige Wesen einzeln oder im Pulk beinahe über die Füsse mähen zu lassenund dem etwas irrealen Gefühl, von einer unendlichen Woge weisser Fellkugeln umgeben zu sein, war alles vorhanden.
Wobei ich nach dem ersten Regentag eine durchgehen bräunliche Herde angetroffen hatte, was ein gänzlich anderes Bild gab
Interessant war auch das Verhalten vorbeikommender Spaziergänger. Statt kurz zu verweilen, um genauer hinzusehen, wurde, wie es heutzutage üblich ist, mit dem handy konsumiert. Schnell ein Foto, dann weiter.

Der Gedanke, die Essenz dieser besonderen Zeit in einer Installation und zweidimensionalen Arbeiten umzusetzen, wabert schon einige Wochen mit mir durch mein Atelier. Vermutlich wird es eine Herbst- wenn nicht gar Winterarbeit werden. Der Sommer ist voll mit Berlin, zeitgenössischem Tanz, Schreiben und der Jagd nach fotografischen Momenten.
Denn seit beinahe zwei Monaten bin ich intensiv dabei mit meinem Kollegen Ulrich Kost Domino zu spielen.


